Bierfestival in Berlin — jedes Jahr wieder eine Freude


Ich meide es wie die Pest. Jedes Jahr wieder. Und in den letzten Jahren ist mir das auch ganz gut gelungen. Kein Wunder, wenn man etwas außerhalb wohnt. Aber der Wind hat sich gedreht und mich zurück nach Friedrichshain gepustet und somit ist auch das Berliner Bierfestival wieder in mein unmittelbares Blickfeld gerückt.

Einmal war ich bisher da und das hat mir eigentlich auch gereicht. Nicht, dass es besonders schlimm war, aber ich erinnere mich an brütende Hitze und jede Menge bierseelige Touristen und Marzahner, die grölend durch die Gegend ziehen. Ähnlich ging es mir dann auch am Freitag, als ich abends mit dem Fahrrad am Gelände vorbei fuhr und mir ein betrunkener, sonnenverbrannter Dickbauch fast ins Rad springt. Da war gute Kravallstimmung angesagt.

Nun gut, im Grunde meines Herzens bin ich ja ein verständiger Mensch und definitiv eine Bierliebhaberin. Daher kommt mir die Idee einer ganzen Meile voll von Bieren, die man nicht unbedingt in jedem Späti erwerben kann durchaus unterstützenswert und ansprechend vor. Und das ganze Wochenende trage ich mich mit dem Gedanken, einfach doch mal vorbei zu fahren. Die Idee ist mir dann aber doch erstmal zuwider und Sonntag geht mir um 14 Uhr am Frühstückstisch ein Licht auf.

Ich habe schon Ewigkeiten nicht mehr meine Kamera auf einen Trip mitgenommen, der nur ihr gehört. Da kann ich doch einfach mal aus quasi beruflichen Gründen ein Stündchen über die Frankfurter Alle wandeln und mir die Schocktherapie geben. Keine Verabredung, also auch nicht das Muss, länger als es sich gut anfühlt dazubleiben. Also gut, ich werde mich heute mal mit meinen Aversionen auseinandersetzen.

Der Trip läuft unter dem Thema “Stereotypen jenseits italienischer Touristen und schlecht tätowierter aber umso intensiver sonnenbankgebräunter Marzahner Großstadthelden”. Mal schauen, was sich da so auftreiben lässt.

Die ältere Generation

Ich betrete die Meile und relativ schnell fällt mir auf, dass die entspanntesten hier der älteren Generation angehören. Die alten Berliner — sie sind verheiratet und haben sich über die Jahre das gleiche Hobby bewahrt — Molle und Kippchen! — reden wird im Allgemeinen ja auch überbewertet…

Oder die langjährigen Freundinnen. Die haben sich definitiv immer was zu sagen. Die Kleidung schön hell oder pastellfarben, mit zarten floralen Mustern — sehr adrett.

Die Tanzbären sind natürlich auch da. Discofox bis zum abwinken und immer mit gaaaaanz viel drehen. Eins-zwei-tipp-eins-zwei-tipp-eins-zwei-tipp…

Der Fotograf. Kleine Bridge Kamera, schön sicher um den Hals gehangen und immer parallel auf das Motiv zugehen. Und bloss nicht zu nah rangehen, damit man ja auch die Umgebung sieht — gehört ja schließlich dazu. Aber süß ist er, der Fotograf. Das mache ich auch, wenn ich Mitte 80 bin.

Und natürlich dürfen die Jack-Wolfskin-Vollausgestatteten mit bis zum Anschlag hochgezogenen Socken nicht fehlen. Ganz klar. Dafür ist der deutsche Tourist ja in aller Herren Länder bekannt und das Image muss auch gepflegt werden. Ich überlege schon, ob ich mir auch mal Zipper Hosen kaufe. Die sind so schön praktisch. Oh Gott, wenn ich es mir recht überlege, habe ich so ein Relikt tatsächlich noch irgendwo im Schrank. Kurze Notiz machen — Schrank aufräumen und Zipper-Hosen entsorgen. Noch bin ich zu jung dafür!!!!

Die mittlere Generation

Die mittlere Generation zeigt naturgemäß ein bisschen mehr Elan.

Da sind die dynmischen, junggebliebenen Fahrradfahrer die versuchen, sich das durchaus vorhandenen Bierbäuchlein wegzuradeln, dann aber doch der Versuchung erliegen und ein kühles Blondes wegzischen. Und die, die nicht mehr unbedingt dem Sport frönen, hauen halt gern mal sinnlos mit einer Hammerspitze auf nen Nagel ein und freuen sich, wenn das kleine Scheißerchen nach 100 Versuchen endlich aufgibt und sich komplett ins Holz gräbt.

Teilweise ist diese Generation aber auch noch so gut in Schuss, dass sie es wagt gleich zwei Bockwürste in sich reinzuschieben — als Kauen hätte ich das jedenfalls nicht bezeichnen wollen, auch nicht bei dem Herren mit der Pizza.

Ein paar lonesome Riders gibt es natürlich auch hier. Sie schieben mit ihren Fingern schwer beschäftigt Bierspuren über ihre Handydisplays oder trinken noch nen Jägermeister und schauen etwas orientierungslos in der Gegend rum. Und wenn man eine Stunde wieder an ihnen vorbei geht, hat sich das Bild nicht geändert, außer dass der Blick noch ein bisschen vernebelter geworden ist.

Es gibt aber auch die Genießer, die gern allein den Daumen im Takt der Musik auf den Tisch hauen — was auch immer es da so zu genießen gab. Gut, jetzt kann nicht jeder so einen auserlesenen Geschmack haben wie ich, aber wenn ich höre, wie “achy breaky heart” auf deutsch gesungen wird, dann kräuseln sich mir einfach die Ohren und ich denke unweigerlich an Weglaufen. So weit ist es aber noch nicht. Aber es reicht immerhin dazu dass ich mein erstes Bier wegzische, obwohl ich nüchtern bleiben wollte. Sorry Folks, so stark bin ich doch nicht.

Die jüngere Generation

Die jüngere Generation ist relativ homogen, unterscheidet sich nur durch den Alkoholspiegel. Wer das leichte Beschickertsein hinter sich gelassen hat, ist bei den hohen Temperaturen einfach nicht mehr zu gebrauchen und wankt selig mit in den Knien hängender Kellnerschürze über den staubigen Weg.

Der Rest gibt sich vor allem am Bier interessiert (das ist den anderen Generationen im wesentlichen egal, Hauptsache kühl), studiert den Festivalplan, someliert sich durch die Sorten, führt Fachgespräche mit dem Kumpel oder testet, welche Nahrungsmittel sich mit dem kühlen Blonden vertragen. Hm, ob das mit der Gurke wohl so gut geklappt hat? Ich bin da skeptisch. Die einen sind dabei etwas entspannter als die anderen, aber man merkt ihnen deutlich an, dass sie aus ähnlichen Gründen hier sind wie ich.

Das gibt mir doch gleich ein viel besseres Gefühl und ich hole mir einen schönen australischen Birnencidre. Ziiiisch und weg mit den 0,538 Litern.

Das Drumherum

Langsam merke ich dann, wie ich zu viel bekomme. Die Stereotypen jenseits des Klischees, das man sich so unter Bierfestival so vorstellt, gibt es reichlich, aber es springen hier halt doch ziemlich viele besoffene Vollpfosten rum. Gute Musik kann ich auch nicht entdecken und wenn ich jetzt noch mehr trinke, dann mutiere ich selbst gleich noch zu einem Vollhorst. Also laufe ich wieder zurück, bedaure, dass es an diesem einen Stand keinen Glühwein und keine Erbsensuppe gibt, fühle mich wie der Hund an der Leine und muss noch erleben, wie Norddeutsche mit bayerischen Hüten deutschen Schlager wiedergeben.

Das ist dann endgültig zu viel. Ich bin durch für dieses Jahr und wahrscheinlich auch für die nächsten. Meine biertechnischen Inspirationen werde ich mir zukünftig wieder woanders suchen, denn ich habe nur noch ein Bedürfnis — weg hier!

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