ET grüßt zum ersten Mai – zu viel Politik zu wenig Bier?


Denkt man an den ersten Mai in Berlin, dann fallen einem wahrscheinlich automatisch Pflastersteine, Polizei und Autonome ein – zumindest wenn man nicht aus Berlin kommt. Ich bin offiziell kein Berliner, auch wenn ich schon seit 17 Jahren hier lebe, aber ich möchte einmal eine Lanze für den 1. Mai brechen.

Was macht man also an so einem schönen Donnerstag? Feiertage sind toll. Erstmal ausschlafen, zum Ostbahnhof rüberschlendern, weil da der einzige Automat der Cashgroup im südlichen Friedrichshain ist *grummel*. Lässt sich aber gut mit einem Bäckerbesuch kombinieren. Eigentlich schlafe ich ja noch mit offenen Augen – ausreichend Schlaf wird im Allgemeinen eh überschätzt. Ein bisschen nervt es mich schon, dass das gesamte Gelände heute ein riesiger Flohmarkt ist. Und dann heißt der auch noch so: Riesenflohmarkt. Findet wohl nur 2 mal im Jahr statt. Naja, ich wollte eigentlich nur was essen und muss mich jetzt durch Menschenmassen durchschrauben. Aber so nach und nach merke ich, dass das hier nicht nur der übliche Ramsch ist, sondern ganz annehmbares Zeug. Und dann haben sie mich – ein Stand mit Prakticas und Exas und dazu gehörenden Objektiven. Aaaaaaaaaah, ich wollte heute nicht so viel Geld ausgeben. Aber das hier ist mein persönlicher Photographer Heaven!!! Ich bleibe stark und schlendere nach einem ersten Fachgespräch erstmal weiter. Aber nachdem ich meine 2 Brötchen und die Rosinenschnecke im Rucksack verstaut habe, stehe ich schon wieder vor dem Stand und kann einfach nicht widerstehen – eine Praktika mit 3 Objektiven plus Tasche runtergehandelt auf 30 Euro. Sorry, ich kann nicht anders und schlendere mit meinem neuen Baby über der Schulter wieder nach Hause.

Photographer Heaven

Photographer Heaven

So, jetzt kommen wir aber mal zum eigentlichen Highlight des Tages. Um 15:30 Uhr bin ich auf dem MyFest in Kreuzberg verabredet. Also rauf aufs Rad und die Warschauer Brücke runtergefahren. Nooop – ganz schlechte Idee, wenn man schnell voran kommen möchte. Menschenmassen winden sich die Skalitzer Straße entlang.Mist, ich bin verabredet und ohnehin schon spät dran. Nun gut, ich nehme den Umweg über die Köpenicker und komme so doch noch ganz fix am Oranienplatz an. Meine Güte, heute ist aber auch alles was Beine hat auf denselben. Also ein Bierchen geschnappt und rein ins Getümmel.

MyFest

entspannte Menschenmassen

An der ersten Bühne erwartet mich ein Poet. Also es müsste zumindest einer sein, denn mit Musik hat das nichts zu tun. Kunst ist halt keine Geschmackssache sondern Ausdruck von Leidenschaft, egal was dabei hinten rauskommt. Den nackten Mann mit dem dicken Bauch, der seinen Kopf in einen Plastikhandschuh gesteckt hat und ihn mit der Nase aufbläst schreibe ich auch gleich mal den Künstlern zu und denke nicht weiter drüber nach.Ich kann alles in allem nur anmerken – ich mag’s lieber wenn’s melodisch ist. Und das wird es dann zum Glück auch noch.

Viele Musiker von Punk über Rapp, eigentlich ist alles dabei. Aber verdammt, wo bekomme ich jetzt eigentlich mein nächstes Bier her. Ich wühle mich bis zum Mariannenplatz und den Bethanien durch. Manchmal wird man fast zerquetscht, aber die Leute sind alle in friedlich, fröhlicher Feierlaune und sehr entspannt. Vor den Bethanien stellt meine Begleitung fest: „Zu viel Politik zu wenig Bier“. Das stimmt oberflächlich betrachtet natürlich, aber selbstverständlich hat diese Bemerkung auch einen ordentlichen Rüffel verdient, denn schließlich ist 1. Mai und da geht es hauptsächlich um Politik. Die Mülleimer quellen über, aber die Wut der Leute zum Glück nicht. Bis 20 Uhr stürmt an mir nur eine unangemeldete Demo-Herde in komplett schwarz vorbei. Ansonsten sind alle froh, dass das Wetter hält und dass die Welt hier mitten in Berlin einfach herrlich chaotisch schön ist.

Myfest Müll

Zu viel Politik zu wenig Bier?

Zum Abschluss grüßt mir in der Oranienstraße noch ET entgegen. Er ist in Rave Laune und demonstriert wohl auch.

ET

ET grüßt zum 1. Mai

So fahre ich beschwingt nach Hause und denke mir: Pflastersteine, Polizei und Autonome – ja, das alles gibt es jedes Jahr wieder aber wenn man sich einfach mal mitten in das Getümmel reinwirft, dann merkt man ganz schnell, dass das nur ein klitzekleiner Teil der Wahrheit ist.

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