Flöhe hüten im Mauerpark


Es ist Sonntag und ich gehe freiwillig in den Mauerpark? Was ist da los?

Ganz einfach, ich suche eine Kaffeemühle und weil die mir in meinem Haushalt ganz ganz ganz ganz dringend fehlt und ich an diesem verregneten Frühherbsttag nichts vor habe, nehme ich mir einfach was vor – nämlich Flohmärkte unsicher zu machen. Vormittags erwache ich vom Regen, der an mein Schlafzimmer trommelt. Und er trommelt gewaltig auf meine Nerven. Aber gegen Mittag, nach einem ausgiebigen Frühstück, kann ich sogar mein Fahrrad satteln. Es hat sich heute etwas zickig, bäumt sich noch im Hausflur auf, wirft das Zalandopaket, das sich auf dem Gepäckträger befindet, ab – jaja, ich habe die Meinung zu Zalando schon verstanden – und tut sich dabei allerdings selbst weh. Riss im Sattel – Mist!!! Aber nur ein kleiner, also radle ich die 6,5 Kilometer. Ein bisschen den Wind durchs Hirn pusten lassen tut gut und mein Rad ist wieder gnädig gestimmt.

Als sich die Menschenmassen langsam verdichten, der Fahrradweg nicht mehr befahrbar ist und die ersten Straßenmusiker schalmeien, ist es Zeit, den Weg per Pedes fortzusetzen. Die ergiebigen Regenfälle haben zum Glück einige Hipster und Touristen davon abgehalten, in den Mauerpark zu kommen, was ich begeistert registriere. Is halt kein Wetter um die Sonnenbrille spazieren zu tragen. So ist das Gedränge nicht allzu groß, als ich mich hinein begebe in das Getümmel. Schnell stelle ich fest, dass es aber trotzdem sehr kuschelig wird, denn es haben sich kleine Flüsse gebildet, die das Kreuzen von links nach rechts quasi unmöglich macht. Man muss sich an den Ständen entlangschlängeln und dabei sind Körperkontakt und die Hoffnung auf wohlgesonnene Entgegenkommende meine ständigen Begleiter. Ich habe ein wenig Glück, bis mich jemand anschnautzt „Ey, jetz bin icke dran hia“. Äääääh ja klar, aber icke bin stärker und hab nen dickeren Kopf – im übertragenen Sinn.

Erstmal ein Getränk nehmen. Dafür ist hier natürlich an jeder Ecke gesorgt. Logo, soll ja keiner Regenwasser vom Boden schlürfen. Dann Konzentration auf das, warum ich hier bin. Ich entdecke tatsächlich sofort eine Kaffeemühle. So ein klassisches altes Ding, wie man es noch von Oma kennt. Aber 18 Euro? Das scheint mir doch ein bisschen fett zu sein. Also weiter. Und wie nicht anders zu erwarten lasse ich mich komplett ablenken. Kaum habe ich mich umgedreht, steckt schon ein hölzerner Wegweiser vom Wanderweg nach Blankensee in meinem Rucksack. Wofür genau brauche ich den nochmal? Naja, wird schon irgendwie als Wanddeko gehen – ich erinnere mich nur noch, dass ich das Teil sah und plötzlich 2 Euro in eine Verkäuferhand drückte und schon war es mein. Hmmm, nochmal drüber nachgedacht hat er das Ding bestimmt geklaut und jetzt finden arme Leute den Weg in die Glauer Berge nicht mehr. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Schnell weiter. So ramschig, wie man sich das so vorstellt, ist es hier gar nicht – zumindest über weite Strecken. Man findet ganz netten Schmuck, Bilder und natürlich viel Krimskrams, der von hippen Leuten verkauft wird. Nachdem ich zur Hälfte durch bin, kommen dann allerdings auch noch ein paar Stände, die unter die Kategorie fallen Wer-zum-Teufel-kauft-den-Ramsch eigentlich. Naja, es gibt reichlich Anwärter.

Zwischen all den nützlichen und weniger nützlichen Dingen entdecke ich weitere Kaffeemaschinen. Irgendwie will hier keiner verhandeln – ist das nicht Sinn und Zwecke eines Flohmarkts? Da kann ich ja gleich in einen Laden gehen oder online bestellen. Entsprechend bin ich leicht gefrustet, zumal meine Schuhe mittlerweile eine Schlammkruste angesetzt haben. Also beschließe ich, diesen Ort des Handels, an dem man nicht wirklich handeln kann, zu verlassen. Ein bisschen muss ich mich schon losreißen, aber ich vermute, dass es in der nächsten Reihe von Ständen genau das gleiche Angebot geben wird. Am Ausgang steht wieder ein Straßenmusiker, der nicht wirklich gut spielt, aber viele sind ihm gnädig und es gibt sogar ein paar Pärchen, die sich beim Gitarrensolo verliebt in die Augen schauen.

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Ich gönne es ihnen und steige wieder auf mein Rad. Ein bisschen enttäusch bin ich schon. Hab ja schließlich auch keine Flöhe gefunden. Und im Mauerpark gibt es laut Wladimir Kaminer weder eine Mauer noch einen Park. Aber wir wollen ja nicht kleinlich werden. Meine Kaffeemühle finde ich dann letztendlich in meinem Kiez auf dem Flohmarkt am Boxhagener Platz. Der ist zwar gefühlt wesentlich ramschiger, aber hier kann man noch richtig schachern. Und jetzt steht sie in meiner Küche und hat den ersten Mahltest direkt bestanden und ich bin ein klein bisschen stolz. Worauf? Keine Ahnung, aber darf man nicht eigentlich immer ein bisschen stolz auf sich sein?

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