Futtern wie bei Muttern


An der Fleischerei Domke in der Warschauer Straße fahre und schlendere ich nun vorbei, seitdem ich im Friedrichshain wohne. Ich gebe zu, dass gute deutsche Hausmannskost und vor allem ein richtig gut gefüllter Telller mir immer das Wasser im Mund zusammen laufen lassen. Aber bisher habe ich tapfer widerstanden, vielleicht auch, weil Rouladen, gefüllte Paprikaschoten, Gulasch oder Eisbein nun auch nicht zu meinen favorisierten Sommeressen gehören. Nun, da der Herbst aber so langsam seine Fühler ausstreckt und mir, trotz herrlichem Sonnenscheins und einem entspannten Nachmittag auf dem Tempelhofer Feld, doch ein wenig fröstelig ist, kann ich der Versuchung nicht widerstehen. Es ist Sonntag gegen 17 Uhr, noch kann man draußen sitzen und ich habe tierischen Hunger. Also schnappe ich mir ein Buch und laufe die paar Meter zu Domke. Heute bist du fällig!

Domke von außen

Die Warschauer Straße wird gerade komplett aufgerissen und ist eine riesige Baustelle und entsprechend begrüßt mich erstmal ein dicker Bauzaun. Aber die Fleischerei hat auf und es stehen noch ein paar Tische draußen, die von italienischen Touristen belagert werden. Italiener stehen ja auf deutsches Essen – am liebsten Würstchen oder Krustenbraten. Wusstet ihr, dass es auch in guten Pizzerien in Süditalien selbstverständlich Pizzen mit Sauerkraut und Würstchen gibt? Sie wurden mir mehr als einmal von Italienern in Italien angeboten im ernsthaften Glauben, dass sei was ganz tolles und ich habe jedesmal erstaunte Blicke geerntet, wenn ich mir ein ziemlich angewidertes Gesicht einfach nicht verkneifen konnte. Aber zurück in die Berliner Wirklichkeit.

Ich habe jetzt nämlich erstmal die Qual der Wal. Was ess ich nur, was ess ich nur? Gulasch mit Rotkohl und Kartoffeln, Gulasch mit Nudeln, Eisbein, Rouladen, Schnitzel, Nudeln mit Tomatensauce und Jagdwurst… oooh, bei letzterem geht mein Ossiherz auf. Das wird doch wohl nicht diese leckere, leicht süßliche Ketchupsauce sein, die jeder Ossi kennt und liebt (naja, fast jeder)? Am besten ist dazu ja noch Jägerschnitzel, also panierte Jagdwurst. Man, man, man, aber das kann ich besser kochen und es muss eine Entscheidung her. Aber eh die fällt, fällt mein Blick erstmal auf die Auslage. Da liegt verdammt viel Wurst rum. Ist ja auch eine Fleischerei. Aber ein Teil ist für gekühltes Bier reserviert und ein Gessner habe ich schon Ewigkeiten nicht mehr getrunken. Also los – Gessner und Gulasch mit Rotkohl und Kartoffel.

Geßner und Gulasch

Innerlich bin ich darauf eingestellt, mir draußen schonmal ein Plätzchen zu sichern und auf mein Essen zu warten. Aber nein – die Bedienung greift sich direkt nach meiner Bestellung einen flachen Teller, reißt hinter sich drei Warmhaltegefäße auf und holt den großen Löffel raus. Zack – landen eine große Portion Kartoffel, Gulasch mit viiiiiiiiiiiel Soße und ein bisschen zu wenig Rotkohl auf meinem Teller. Ich nehme ihn glücklich in Empfang und balanciere ihn nach draußen. Der Holztisch steht leicht schief, so dass die Soße ganz knapp vorm Abwandern ist. Aber sie bleibt drauf. Bis ich versuche, ganz vorsichtig eine Kartoffel zu zerteilen – flatsch – ein großer Schwaps landet auf dem Tisch. Ganz behutsam drehe ich das Kunstwerk und bin eigentlich erstmal nur damit beschäftigt, mein Essen im Zaum zu halten. Aber irgendwann habe ich es gezähmt und dann kann ich auch mal bewusst kosten, bevor das Reinschaufeln los geht. Lecker, fast wie bei Muttern. Nur die Kartoffeln sind mir etwas zu wässrig. Kann man aber mit Soße ausgleichen – ist ja reichlich da. Nein, ich bin total zufrieden und die 5 Euro haben sich definitiv gelohnt. Das schräge Publikum – vom Penner bis zur verschwitzten Hockeyspielerin ist alles dabei – macht meinen Plan zu lesen zunichte, aber so lehne ich mich irgendwann entspannt mit meinem Bierchen zurück und genieße. Hier komme ich bestimmt nochmal her.

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