Stippvisite in der Schwarzen Traube


Nach einem angeregten Donnerstagabend auf dem Street Food Thursday in der Markthalle Neun möchte man leicht angeschickert nicht schon um 10 nach Hause und ins Bett fallen. Also folge ich der Empfehlung eines gastronomisch versierten Bayern und gehe einmal links, einmal rechts und schwups stehe ich vor einer Bar mit dem Namen Schwarze Traube.

Schwarze Traube

Die Schwarze Traube in der Wrangelstraße (credits: Peter Stottmeier / ps@stottmeier-werbung.de / Tel. +49171-7456768)

Leicht naiv möchte ich schwungvoll die Tür öffnen, aber hey, was denke ich mir eigentlich – selbstverständlich kommt man hier nicht einfach so rein. Zum Glück hat ein nahe der Tür stehender Gast das Prinzip auch noch nicht so richtig verinnerlicht und öffnet mir schnell die Pforte und somit den Whiskeyheaven. Den jungen Mann, der für Bedienung und Türöffnung gleichermaßen in Charge ist, amüsiert dieses unerlaubte Eindringen allerdings so überhaupt nicht. „It’s full, it’s completely full.“ Schon fürchte ich wieder rausgeschmissen zu werden, aber ganz ehrlich – so schnell lasse ich mich dann auch nicht abwimmeln, wenn ich schonmal im Laden stehe und ein leckeres Getränk quasi schon die Kehle runterlaufen fühle. 2 Gäste verlassen die Bar und somit besetzen wir deren Plätze und bitten höflichst, dass wir doch bleiben dürfen. Wir dürfen – puuuh, Glück gehabt.

So, was trinkt man denn jetzt so? Erstmal erhalte ich vom ortskundigen Bayern eine Einweisung in die Bar. Aha, die gehört also dem besten Barkeeper Deutschlands. Atalay Aktas war sogar im Finale um den besten Bartender der Welt. Innerlich bin ich ein bisschen beeindruckt und verabschiede mich von dem Gedanken hier mitten im Wrangelkiez an diesem schönen Abend einen günstigen Drink zu bekommen. Dafür freue ich mich auf einen hoffentlich außerordentlich guten. Die Nummer mit der Tür hat mir bereits suggeriert, dass es nicht der Laden ist, in dem man sich in einem plastikbeschichteten, wasser- und reißfestem und dennoch total zerfledderten Prospektchen zwischen Gin Tonic und Sex On The Beach entscheiden kann – bin ja kein Landei mehr. Und entsprechend liege ich auch richtig. In der Schwarzen Traube muss man entweder genau wissen, was man trinken möchte, oder man redet halt mit dem Barkeeper oder dem emsigen jungen Engländer mit der tiefsitzenden, engen Hose, der sich zwischenzeitlich mit unserer Anwesenheit angefreundet und uns schon ein Wässerchen kredenzt hat, welches wir nicht bezahlen müssen. Für mich ist klar, dass ich nach mehreren Bieren und einer halben Flasche Riesling, nun keine Geschmacksnerven mehr übrig habe für den Genuss eines guten Whiskeys, den es hier zweifelsohne gibt. Wir bekommen eine Auswahl präsentiert mit Erklärungen, wie die so schmecken, ob nach viel schottischem Rauch und Moor oder nach etwas weniger. Ich entscheide mich nichtsdesto trotz für einen Whiskey Sour mit Eiweiß und bin gespannt, denn bei diesem Drink trennt sich für mich die Barkeeperspreu vom -weizen. Zeit, sich zurückzulehnen und sich den Laden mal anzuschauen.

Angenehm klein, helle Steinwände, etwas verwinkelt, so dass man trotz der Enge nicht direkt die Gespräche der Nachbarn mithören kann. Das fällt allerdings ohnehin schwer, da der Laustärkepegel beträchtlich ist. Dazu kommt der Rauch, denn hier ist das Rauchen noch erlaubt, was mich nicht wirklich stört, aber meine Klamotten fliegen im Geiste schon direkt nach Betreten meiner Wohnung direkt in die Waschmaschine. Wenig ist ekliger, als am frühen Morgen die Jeans vom Vortag anzuziehen und dann schleicht sich so langsam das Kaltraucharoma am Körper hoch *grusel*. Aber zurück – die Bar hat alles, was eine gute Bar so braucht.

Schwarze Traube - Innen

Links in der Ecke hab ich gesessen

Die Leute hinter der Bar sehen so aus, als wüssten sie, was sie tun und so kommt denn auch sehr schnell der Whiskey Sour und der ist, wie eigentlich nicht anders zu erwarten war, sehr sehr gut. Nicht zu sauer, nicht zu süß, ein guter, vollmundiger, leicht rauchiger Tropfen Alkohol wurde verwendet und die richtige Menge Eiweiß rundet das ganze ab. Nicht übel!

Whiskey Sour

Whiskey Sour (https://www.flickr.com/photos/alper/10783970005/in/photostream/)

Der bereits mehrfach erwähnte junge Mann mit der tiefsitzenden Hose, die im nun wirklich fast über den mit weißer Baumwollunterhose bedeckten Hintern rutscht, fragt nach, ob es so genehm ist. Und das schöne ist – diese Frage scheint wirklich ernst gemeint zu sein. Das passiert einem in Berlin ja nicht so ganz häufig. Ja, es ist sehr genehm und wir verbringen ein Stündchen bei angeregten Gesprächen über Bars, Scotch, Whiskey und Barkeeper. Dann kommt der unvermeidbare Moment des Bezahlens. Ich weiß bis heute nicht, was genau ich hätte zahlen müssen, denn der Geräuschpegel schluckt den genauen Wert nach der 9,… – das ist doch ganz ok. Ich habe auch schon wesentlich mehr für einen Cocktail hingeblättert. Und wenn ich mich über die Schuppen mit den 5 Euro Allday Happy Hour Cocktails aufrege, dann muss ich eben mit 10€ für einen Whiskey Sour mehr als zufrieden sein. Ich bin es und gehe beschwingt mit einem neuen guten Laden im Erfahrungsrucksack nach Hause.

  

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